Statement zur
Mehrsprachigkeit
„Mit jeder Sprache, die du erlernst, befreist du einen bis
daher in dir gebundenen Geist.” (Friedrich Rückert)
Mehrsprachigkeit stellt eine wichtige Ressource in unserer
globalisierten Gesellschaft dar und hat sowohl für den Einzelnen
als auch für die Gesellschaft große Bedeutung. Im Gegensatz zu
Mitteleuropa ist in vielen Regionen der Welt Mehrsprachigkeit der
Normalfall.
In vielen dieser Gesellschaften ist das Recht auf Muttersprache
(neben offiziellen Staats-oder Verkehrssprachen) in den
Verfassungen verankert. Jedes Mitglied unserer Gesellschaft sollte
nicht nur das Recht haben, seine Sprache in der Familie und im
privaten Umfeld zu gebrauchen, sondern die Sprache sollte auch
eine angemessene gesellschaftliche Akzeptanz erfahren.
Die Anerkennung der Muttersprachen ist ein wichtiger
psychologischer Faktor für Menschen mit Migrationshintergrund, da
ihre Sprachen wesentlich ihre Identität prägen.
Die Förderung der Muttersprachen ist nicht als Gegensatz zur
Förderung der deutschen Sprache zu sehen. Denn mehrsprachige
Menschen sind ein bedeutendes Potential für unsere Gesellschaft:
- Sie besitzen ein differenziertes Bewusstsein von Sprache und
lernen weitere Sprachen leichter als Einsprachige.
- Sie haben eine differenziertere Sicht auf die Welt und sind
daher flexibler im Hadeln.
- Sie können eine Brückenfunktion einnehmen als Vermittler
zwischen unterschiedlichen Kulturen.
All diese Fähigkeiten können sie aber nur entfalten, wenn ihre
Sprachen anerkannt und gefördert werden. Diese Förderung liegt
auch im Interesse unserer Gesellschaft, da sie einhergeht mit dem
Erhalt und den Ausbau der Sprachenvielfalt in unserem Land. Von
der Sprachenvielfalt profitieren nicht zuletzt der
Wissenstransfer, der Tourismus und unsere Wirtschaftsbeziehungen.
Viele internationale Unternehmen und Organisationen sehen zwei-
und mehrsprachiges Personal als wichtigen Standortfaktor.
Wir plädieren daher für eine gesellschaftliche Wertschätzung
der Mehrsprachigkeit. Damit meinen wir nicht nur die „Elite“-Mehrsprachigkeit
mit Prestigesprachen wie Englisch oder Französisch, sondern
besonders die natürliche Mehrsprachigkeit aller Menschen, die eine
andere Muttersprache als Deutsch haben. So sollte die
Herkunftssprache in der Schule als vollwertige Sprache anerkannt
und als Teil des Fremdsprachenunterrichts oder als eine der
Unterrichtssprachen angeboten werden. Die Möglichkeit einer frühen
mehrsprachigen Erziehung sichert allen Kindern die Chance, ihr
intellektuelles Potential zu nutzen und eröffnet ihnen die
Perspektive, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.
Dieser Appell richtet sich somit zuallererst an die
Verantwortlichen in Politik und Bildungswesen, der Vielfalt der
Sprachen, die in unserem Land gesprochen werden, auch in der
schulischen Realität Rechnung zu tragen.
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